Wer spricht, wenn Sie Ich sagen? | zweiter Teil

(Erster Teil…hier…)

ICHIn der Selbsterkenntnis erkennen wir diese Identifikation mit diesen Maschen und lösen den Druck alleine dadurch, dass wir sie erkennen und benennen können. Die Verletzungen werden sicht- und spürbar und das verdrängte Erlebnis dahinter kann sich zeigen. Der Umkehreffekt der negativen Projektion, ist die positive Projektion oder Abspaltung. Das positiv-abgespaltene Spiegelbild der Selbstliebe zum Beispiel, zeigt sich in der Verliebtheit.

Die untenstehende Skizze zeigt das ganze Konglomerat der Persönlichkeitsstruktur auf. Sie ähnelt durchaus einer lebendigen Zelle. Die Außenwände werden von den verschiedenen Persönlichkeitsanteilen, die wir als Hauptselbste bezeichnet haben, gebildet. Im Innenraum, verdeckt durch diese Hauptselbste, befinden sich die verdrängten Selbste. Sie sind mit den außenliegenden Hauptselbsten so verbunden, dass sich als „Zwischenenergie“ Verletzungen jeglicher Art ergeben können. Die Verletzungen sind also sozusagen das verbindende Element zwischen den verdrängten Selbsten und den Hauptselbsten, welche Gefühle kaschieren, die wir nicht ertragen konnten.

Teilselbste
Teilselbste

 

Wenn diese beiden „Mechanismen“ unsere ganze Seelenstruktur bilden würden, dann wären wir in der Tat unfreie Wesen und diesen Energien total ausgesetzt. So wie im Zellkern aber die Zellflüssigkeit ist, und im Körper das Bindegewebe, welches alles miteinander verbindet, so befindet sich in dieser Persönlichkeitsstruktur zwischen den Teilselbsten ebenfalls eine äußerst bewegliche „flüssige“ und lebendige (geistige) “Substanz”. Diese Substanz ist bewusstseinsbildende Energie, die alles miteinander verbindet, trägt und durchdringt.

Es ist die Trägersubstanz  dieser Anteile. Diese Trägersubstanz erfahren wir immer dann, wenn wir im beobachtenden, achtsamen Zustand sind. Dort erkennen wir diese ständig wechselnden Prozesse  unentwegt. Dieses Beobachten äußert sich als ein bewusstes Gewahrsein. Da wir diesen Zustand aus jeder Position, aus jeder Verhaftung und in jeder Lebenssituation, in der wir uns befinden, erfahren können, wird sie als eine zentrale und neutrale Kraft erlebt. Wir sind durch dieses Erlebnis nicht mehr in einem identifizierten Zustand innerhalb eines Teilselbstes verhaftet, sondern erleben den Anteil zwar als uns zugehörige, jedoch nicht mehr handlungs-leitende Energie. Es ist das Erlebnis eines freien Bewusstseins, welches als das bewusste oder „freie Ich“ gewahr wird. Dieses verleiht den Handlungen ihre Eigenständigkeit und nimmt ihnen ihre autonome Kraft. Die persönlichen und unpersönlichen Energien der Teilselbste sind aber sehr schlau und sie ziehen uns, sobald wir den Gedanken des freien Ich nur mit unserem Verstand erfassen wollen, wieder in eine neue Identifikation! Hier endet auch die Möglichkeit, über die begriffliche Ebene zu kommunizieren. Das freie Ich ist Erlebnis, nicht Gedanke. Es manifestiert sich in der (Er-) Lösung von einer Verhaftung im Spannungsfeld zweier Pole. Das ergibt sich durch beobachtendes Bewusstsein. Es ist nicht intellektuell fassbar und bleibt als Energie immer geheimnisvoll anwesend.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust