Wer spricht, wenn Sie Ich sagen?

Erster Teil

 

ICHWas ich Persönlichkeit nenne, ist ein Konglomerat von verschiedenen Teilpersönlichkeiten, welche in unterschiedlicher Art und Weise Verhaftungen schaffen, mein gebundenes Ich unbewusst leiten und führen. Diese Leitung oder Führung kann durchaus zu meinem Schutz geschehen, sie kann desgleichen destruktiv und zerstörerisch auf emotionale Prozesse wirken. Zweifel offenbart sich und wirkt. Um dies zu erkennen, ist ein waches Bewusstsein gefordert.

Aus der Selbstbeobachtung leite ich den Dialog mit den eigenen inneren Stimmen ein. Ich erblicke zum Beispiel hinter dem Zweifel Verletzungen. Es sind dies Verletzungen, welche eine tiefere Ursache haben und dazu geführt haben, dass ich sie mit dem Zweifel oder Abwertung überdecke. Solchen Verletzungen kann ich nun auf den Grund gehen.

Ein neues Energiefeld wird entdeckt. Es steht hinter dem Zweifel. Ablehnung, Diskriminierung oder mangelnde Wertschätzung, die ich in meiner Kindheit wiederholt erlebt habe, manifestieren sich vielleicht. Ich erkenne wiederholte Akte solcher Ablehnung und entdecke durch die Erkenntnis, dass ich mich mit ihnen anfreunden, versöhnen oder verbinden kann.

Aus diesem Vorgehen aktiver Selbsterkenntnis, entdecke ich neue Erlebnisräume, die sich unterschiedlich zeigen. Die erste Energieform steht im Vordergrund. Sie ist das “Seelenkleid” seines Trägers. Auf mein Beispiel angewendet, zeigt sich der zweifelnde Mensch in vielen Facetten und Formen als dieses Seelenkleid. So erscheint er nach außen: Ein Hadernder an anderen und an sich selbst. Er wird die Dinge im identifizierten Zustand immer abwerten oder ins Lächerliche ziehen, um ihnen Gewichtigkeit zu nehmen. Diese Abwertung verdeckt die eigentliche Ursache, zum Beispiel mangelnde Zuneigung, abschätzende, minderwertige Beurteilungen, die er in seiner Kindheit erlebt hat. Damit die Verletzungen, die sich daraus ergaben, nicht zerstörerisch wirken konnten, hat er sich eine Strategie, eine Masche zugelegt, diese Gefühle zu überdecken. Solche Strategien werden in der Transaktionsanalyse „Maschengefühle“ genannt.

Die Entdeckung der verborgenen Energieformen zeigt die tiefer liegenden psychischen Schichten. Im Voice Dialoge werden sie auch „disowned self“, verdräng-tes Selbst genannt. Was uns bei den meisten Menschen vordergründig entgegenkommt sind „primary self“, das Hauptselbst also. Mit „Persönlichkeit“, ist das ganze System gemeint, welches sich in Hauptselbst und verdräng-tem Selbst manifestiert.

Die vordergründig wirkenden Teilpersönlichkeiten jedes Menschen sind also strategische Selbste, die quasi den Umgang mit der Außenwelt sicherstellen. Sie bilden die „Übergangsschicht“ einer Innenwelt zu einer Außenwelt. Die „dicke Haut“ vielleicht, die uns vor Verletzungen schützt. Es kann aber ebenso gut die „dünne Haut“ sein, die zu wenig stark ist, um solche Verletzungen aufzuhalten.

Die dünne Haut kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass ein Hauptselbst aufgebrochen ist und dass sich die Wunde nach innen zu einem verdrängten Selbst geöffnet hat! Hauptselbste sind ähnlich den Narben. Es sind die Arrangements, die wir in uns bilden, um den Schmerz und den Druck von außen abzuhalten. Sie sind der Autopilot der Maschen, die uns eine gewisse Sicherheit und Halt im Leben geben können. Das ist durchaus wichtig und sinnvoll, damit die Verletzungen nicht zu stark werden. Es ist dennoch  mit Gefahren verbunden, nämlich dann, wenn sie sich verselbstständigen, wenn wir uns in ihnen verlieren und mit ihnen aufs Neue identifiziert sind.

Ein Hauptaspekt in der Erkenntnis der Teilselbste liegt nicht in ihnen selbst, sondern in der Projektion. Hier wird immer in der ersten Person gesprochen. Es wird vom Standpunkt der Selbstbeobachtung beurteilt. Das ist bereits der erlöste Zustand! In der Realität erweist es sich als viel komplexer. Durch die Abspaltung eigener Maschen, wie Aggression, Zweifel, Neid, Eifersucht und so weiter nach außen, trennen wir uns von jeglichem Bedürfnis nach Heilung. Wir suchen die Wut, den Zweifel nun in einer zweiten oder dritten Person, projizieren sie also nach außen. Ken Wilber[i] beschreibt es folgendermaßen:

„Bestimmte Ich-Themen können in meinem Bewusstsein hochkommen („Ich bin ärgerlich), werden weggeschoben oder verleugnet, und die mir entfremdeten Gefühle, Impulse oder Eigenschaften werden auf die andere Seite der Ich-Grenze verschoben: Ich empfinde sie jetzt als das Andere (Ich bin ein netter Mensch, ich bin nicht ärgerlich, aber ich weiß, dass jemand ärgerlich ist, und weil ich das nicht sein kann, muss er es sein!) Ist das erst einmal passiert, hört das Gefühl oder die Eigenschaft nicht auf zu existieren, aber das gehört nicht mehr zu mir. Diese weggeschobenen Gefühle oder Eigenschaften können dann als schmerzliche und verblüffende, neurotische Symptome auftauchen – als Schattenelemente in meinem eigenen Gewahrsein.“

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust