Archiv für den Monat: Februar 2016

Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft

WahrheitLetzthin stand in einer Schweizer Zeitung ein Beitrag als „Analyse“ zum runden Geburtstag des Online-Lexikons Wikipedia. Der Autor resümiert am Schluss seines Beitrages: „Was soll man also von einem Lexikon halten, das manchmal die Wahrheit sagt, manchmal nicht – und oft daherkommt wie ein schlechter Schulaufsatz? Das Lesen bei Wikipedia gleicht dem Besuch einer öffentlichen Toilette: Man weiss nicht, wer das WC vor einem benutzt hat: Es kann schmuddelig sein oder es sieht ziemlich sauber aus. Happy Birthday!“

Das freut doch jedes Medienherz der alten Garde (dabei ist der Autor noch jung!). Diese Einschätzungen werden von ihm als Wahrheit hingestellt und verallgemeinert. Gerechterweise, um jetzt nicht als schlechter Kritiker eingestuft zu werden, muss ich sagen, dass er zuvor auch ein paar gute Worte gefunden hat. Dies allerdings mit bedacht und immer leicht ironisch.
Man kann selbstverständlich geteilter Meinung sein, was die Inhalte von einem offenen Onlinelexikon wie Wikipedia angeht! Wahrheit ist ein anspruchsvolles Geschäft! Ungeachtet also, ob Sie eher an diese oder eine andere These „glauben“: Der zitierte Journalist präsentiert seine Gedanken jedenfalls als unerschütterliche Wahrheit. Sein Urteil ist – vernichtend.

Wie also solls der Toilettenbenutzer nach ihm halten?

Ähnliche Kommentare gibt es ja nicht selten in den Medien wenn es darum geht, sogenannte „freie Plattformen“ anzufechten. In die Diskussion möchte ich mich inhaltlich nicht einlassen, weil mir solche Kommentare schlichtweg zu primitiv sind, um sie ernst nehmen zu können, schon ihres Tones und Respektes wegen.
Aber was mich irritiert – und das ist nicht selten auch in der Politik gang und gäbe – ist die Art und Weise, wie man Meinungen vertritt. Der Umstand, daß es sich (lediglich) um eine Meinung handelt, wird dabei vollkommen übergangen. Man(n) stellt sich ins Zentrum der Welt und brüstet sich als Träger unerschütterlicher Wahrheit(en) im Sinne von: „Andere Gedanken darüber sind doch gar nicht möglich, wenn man einen gesunden Menschenverstand hat“ Oder: „Kritik ist hier gar nicht möglich, da muss nichts diskutiert werden“ usw.

Es gibt zwei Möglichkeiten mit Statements umzugehen, deren Aussage man nicht teilt

Erstens: das was gesagt wird ist wirklich die absolute und unerschütterliche Wahrheit. Voila! In diesem Fall muß ich mich einfach fragen, was stimmt mit mir nicht, daß ich die Ansichten nicht teilen kann. Die Folge mag eine depressive Verstimmung sein…
Es kann aber eine zweite Möglichkeit geben: Die Aussagen entsprechen nicht dem absoluten Wahrheitsgehalt, wie es deren Träger vermutet! In diesem Fall sieht alles ein wenig anders aus. Dann müsste der Autor solcher Behauptungen ein Problem haben!

Immer wieder wird die Frage nach der Wahrheit gestellt. Kann es auf der „Formebene“ so etwas wie eine universelle Wahrheit überhaupt geben? Hätten wir die Wahrheit als persönliches Gut für uns gepachtet, dann hätten wir unsere (irdische) Entwicklung wohl längst abgeschlossen. Aber gerade weil wir in einer polaren, differenzierten und geteilten Welt leben, zumindest solange wir den hiesigen Gesetzmässigkeiten unterworfen sind, kann es eine solche Wahrheit für den Einzelnen nicht geben.

Was wir Wahrheit nennen, taucht immer erst dann auf, wenn wir die Ebene des Persönlichen verlassen! Im Grunde ist dies schon der Fall, wenn wir rechnen: 3 mal 3 gleich 9! Dann haben wir diese Ebene verlassen. Ob Herr Meier oder Herr Müller rechnet, ist vollkommen irrelevant, weil sich die Mathematik auf universelle Gesetze berufen kann. Wenn jemand nicht zum Ergebnis 9 kommt, dann liegt es nicht an ihm persönlich, sondern schlicht und einfach daran, daß er nicht rechnen kann! Er kann höchstens persönlich darauf reagieren, weil er es nicht gelernt hat, weil seine Intelligenz nicht ausreicht, diese Rechnung auszuführen. Nur dann kann das Ergebnis nichts dafür. Es ist seine persönliche Angelegenheit.

Doch wie verhält es sich mit unmathematischen Aussagen? Sätze wie: „…nur weil die Massen den Texten vertrauen, ist es noch lange keine glaubwürdige Enzyklopädie“, klingen scharf! Das ist natürlich eine Binsenwahrheit. Wahrheit hat nicht zwingend etwas mit der Masse zu tun! Aber ist es Wahrheit, wenn einige wenige Wissenschaftler ihre Studien den sogenannten “seriösen Lexika” zur Verfügung stellen? Sind diese besser recherchiert und insofern wahrer? Entdeckt man nicht sehr oft Betriebsblindheit, da wo sich angeblich das grösste Wissen befindet? Und wie viele Wissenschaftler braucht es, um alle Begriffe eines Lexikons absolut zuverlässig zu recherchieren! Und zuguterletzt, wie lange dauert es, bis selbst grösste „Wahrheiten“ dieser Art in nicht allzu ferner Zeit wieder dementiert und widerlegt werden? Die Erfahrung gibt uns hinlänglich Bescheid darüber…

Nachklang: Wikipedia und seinesgleichen hin oder her. Mein Gedanke kann nicht „Ich selbst“ sein. Er ist immer nur ein Teilaspekt meiner selbst. Wenn ich ein Bild male, dann bin ich nicht das Bild! Aber das Bild ist ein Teilaspekt von mir! Was sich als “Wahrheit” hinstellt, sind in diesem Zusammenhang immer nur Teilaspekte seines Trägers, dessen, der den Gedanken zu seinen Taten liefert. Man kann sich durchaus fragen, weshalb er überhaupt diesen einen Gedanken denkt und nicht einen anderen… es läuft eben alles darauf hinaus, dass wir lernen, neue Ebenen zu erfahren, um dem Gedanken wieder Leben einzuhauchen…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Dämonen im Mantel des Heiligen

DämonEs ist wieder Faschingszeit. Da passt das Thema doch bestens. Dämonen sind wohl ein althergebrachter Begriff. Meine Definition dafür lautet: Dämonen sind Energien, die uns von unserem wahren Selbst abziehen wollen. Das können Gedanken sein, aber auch Gefühle und Vorstellungen, Wünsche. Goethe sah die Ideen. Er hat es aufs Wunderbarste geschafft, die Dinge in ihrem Wesen zu erfassen.

Dadurch löst sich das eigene, hinein interpretierte Denken vom eigentlichen Beobachtungsgegenstand. Das Denken fließt sozusagen in die Gegenstände und erfasst sie aus deren Art und Gesetzmäßigkeit heraus. Man hat Goethes wissenschaftliche Bemühungen nie gewürdigt und begriffen – und man begreift sie wohl auch heute nicht. Als Dichter wurde und wird er nach wie vor geehrt. Doch wieviel könnte gewonnen werden, wenn seine Art zu schauen Schule machen würde. Das so geartete Bewusstsein löst sich vom passiven Vorstellungsinhalt quasi ab, entsubjektiviert es. Oder noch besser: es verbindet Subjekt und Objekt in geheimnisvoller Art und Weise. Das ist gerade die größte Schwierigkeit im Begreifen des Denkens selber. Dadurch wird oft das Kind (Vorstellungsinhalt) mit dem Bade (Denkakt) ausgeschüttet.

Entdogmatisierung

Der Mensch neigt dazu, alles zu dogmatisieren. Das (gesunde) Leben ist eine andauernde „Entdogmatisierung“. Denn das Dogma bildet sich ohne aktive Gegenleistung von alleine. Automatismus und Verhärtung passieren ständig und ohne unser Zutun. Verhärtung ist Formkraft. Formale Kraft. Formulierung. Begriffe und Wissen werden durch unsere Gehirne gespeichert und wiederverwertet. Das Lernen (im Sinne von Auswendiglernen) ist zuweilen mühsam. Wenn wir uns die Inhalte eingetrichtert haben, werden wir uns fortan gerne an das einmal erlernte halten. Denn das macht weniger Mühe, als stete Erneuerung. Je mehr ein Begriff eingehämmert wird, umso stärker wird er wieder erinnert, aufgerufen. Das gilt für alle Inhalte. Auch für Spirituelle! Selbst Begriffe wie „Achtsamkeit“, „Erleuchtung“, „Jetzt“ usw., die hoch in Mode gekommen sind, bilden da keine Ausnahme. Was einmal Zauber eines Erlebnisses war oder ist, wird bald zerstampft, zerpflückt, zergliedert, zertrümmert durch die ewige Wiederholung. So verliert es den Zauber des Reinen allmählich.

Man erlebt es oft, wenn man Satsangs verfolgt. Auf YouTube gibt es ja massenhafte Selbstdarsteller dieser Art, wenn auch manch Gutes darunter sein mag. Die immergleichen Inhalte verwässern mit der Zeit, werden zu Phrasen zerdroschen, zu einem sinnlosen, egozentrischen Gehabe, und sie veröden das Erlebnis. Dämonisches zeigt sich häufig im Mantel des Heiligen. Solch Wiedergekäutes wird ausgelaugt, bleibt irgendwo zwischen Verstand und Traum hängen. Es ist weder die „Achtsamkeit“, noch das „Jetzt“, welches es zu erreichen gilt. Nichts ist zu erreichen, als ein vollbewusstes Erleben! Egal welche Begriffe dafür verwendet werden. Zunächst sind wir nur im Denken vollbewusst.

Aber gerade dieses Denken ist es auch, welches den Teufel in sich trägt. Wo am meisten Licht, da ist auch der größte Schatten. Und der Schatten, die Schattenwelten sind die Dogmen. Sie bilden den Schleier, den wir nur schlecht wahrnehmen. Es sind die Trugbilder, die sich vor das Erlebnis stellen, bevor es sich noch wirklich einstellt. Dadurch wird die Beobachtung des Dinges getrübt. Es wird durch unser vorgestelltes Hinzufügen verzerrt. Ein Zerrbild entsteht, welches nicht dem Wesen des Dinges an sich entspricht! Man sieht es oft an Erzählungen oder auch an Zeichnungen dessen, was „wahr“ genommen wird. Zeichnen zehn Menschen dasselbe, so könnte der Unterschied zwischen den Werken oft nicht grösser sein. Wenn man bedenkt, wieviel Mist, leider oft gerade in spirituellen Kreisen, (notabene gedanklich) über das Denken gesprochen wird, wird man sehr nachdenklich!

Geist der Zerstörung

Im Denken (vor allem im Inhalt) wohnt auch der Geist der Zerstörung. Darin verbirgt sich eine Wirklichkeit, die man nicht bestreiten darf. „Gehirnwäsche“ ist die Folge. Die Werbung tut es vorzüglich. Sie kennt die Mittel, direkt in unser Unbewusstes einzuwirken besonders gut! Werbung ist aber auch dort, wo wir sie vielleicht nicht so sehr vermuten. Das Missionieren für oder gegen irgendetwas ist da nur die Spitze vom Eisberg. Dazu gehören auch jegliche Formen von Sektiererei, Parolen von Parteien, blinder Glaube und jede Form von kritiklose Anhängerschaft. Dabei spielen die Gebiete, wo dies auftritt keine Rolle. Dasselbe kann, wie bereits erwähnt, im Spirituellen ebenso der Fall sein, wie auch in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in Kultur, Kunst, Religion usw. Lernen bringt eine gewisse Routine. Im Alltag oder Berufsalltag macht das Sinn. Beim Autofahren, am Computer, beim Handwerk usw. Keine Frage. Dort werden Abläufe vereinfacht und strukturiert.

Das immerwährende beweglich bleiben, das stete Eintauchen in die Erlebnisse und dessen Verarbeitung durch das Denken sollte stets neue Begriffe schaffen, kreieren, die aus dem herausgeholt sind, was unmittelbar erlebt wurde und in welchen dieses Erlebte noch enthalten ist, sichtbar ist, sodass die Ideen sichtbar werden! Und damit sind wir natürlich wieder an diesem vielzitierten Begriff des „Jetzt“ angelangt. Denn das reale Erleben passiert selbstverständlich nur im Jetzt. Alles andere sind passive Vorstellungen, die uns in der Zeitskala hin und her bewegen. Man kann natürlich auch „aktiv“ Vorstellungen schaffen, Bilder schaffen und sie durch Selbstbeobachtung mit Erleben füllen. Damit überwinden wir den passiven Fluss in jeder Handlung, in jedem Gedanken, jedem Gefühl.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…