Ohne Grund Einkommen?

Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen bringt zumindest eines an den Tag: Fragen zu scheinbar tabuisierten Themen der wirtschaftlichen Mechanismen unserer Gesellschaft. Der Fokus liegt immer mehr auf dem Geld und weniger auf den Gütern. Ist Geld ein notwendiges Übel oder ein heilbringendes Mittel einer gut funktionierenden Wirtschaft? Beides ist wohl Geschmacksache. Sicher ist, es kann nicht per se verurteilt und als etwas Schlechtes abgetan werden. Sicher ist auch, dass Geld eine Dynamik ins Leben bringt, die bei Weitem nicht allen Menschen den lebensnotwendigen Bedarf beschert. Oder wussten Sie, dass nur schon in der steinreichen Schweiz rund 1 000 000 Menschen unter der Armutsgrenze leben?

Geld ist ein (moralisches) Mittel
BrotWährenddem die einen wenig Mühe haben, den Überfluss clever und gewinnbringend anzulegen und immer weiter wachsen zu lassen, müssen andere jeden Krumen zusammenlesen, um überhaupt überleben zu können. Das liegt aber nicht am Geld selbst, sondern am Umgang damit. Wie alle „Mittler“, verbindet es zwei oder mehrere Dinge. Güter und Leistung, Arbeit und Zeit und vieles mehr. Es stellt einen Faktor dar, der mittels “barer Münze” oder heute meist schon digital, das heißt nur als Zahl, ausgeglichen wird – (was viele nicht wissen: Letzteres ist bis heute nicht im Grundgesetz verankertes Zahlungsmittel).
Eine Leistung, die erbracht wurde, wird bemessen, eingeschätzt und dann ausgeglichen. Nur ist das so eine Sache mit den Bewertungen. Sie sind das eigentliche Problem. Es gibt viele Menschen, und zu denen zähle ich mich auch, die in ihrem Leben sehr viel Zeit und Arbeit unentgeltlich und freiwillig verrichtet haben. Dies geschah/geschieht aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus. Sie taten oder tun zum Teil dieselbe Arbeit, die ansonsten mit hohen Gehältern beglichen wird. Arbeiten, die hohe Anforderungen stellen, gute Ausbildungen und viel Erfahrung erfordern. Solche Leistungen werden im Allgemeinen hoch angesehen und geschätzt. Im Gegensatz dazu werden oft Menschen verurteilt, die sich „anmaßen“, Geld für ideelle Arbeit zu verlangen.

Freiwilligenarbeit muss man sich leisten können
Solche „Freiwilligenarbeit“ oder „ehrenamtliche“ Tätigkeiten muss man sich allerdings auch leisten können. Wenn ein Arzt, der pro Tag 1000 – 2000 Schweizer Franken verdient, an einem Tag in der Woche auf seinen Lohn verzichtet und eine soziale Tätigkeit zum Wohle der Allgemeinheit verrichtet, so ist das sehr löblich und durchaus nachahmenswert. Erwartet man dasselbe von einem Arbeitslosen, so muss das schon als Frechheit bezeichnet werden. Leider haben heute wenige Menschen eine Sensorik für eine pragmatische, soziale Gerechtigkeit und sehen nur das Endergebnis. Was dahinter steckt, wird verdrängt oder schlicht nicht wahrgenommen.

Zeit als Bemessungsfaktor
Das Abwägen der Geldmittel ist jedoch ein sozialer und äußerst diffiziler Akt. Das liegt sowohl an der Fremdeinschätzung wie an der Selbsteinschätzung jedes Einzelnen, an den persönlichen Bedürfnissen und am „gesunden Verstand“, den jeder zu haben meint. Es liegt aber auch am nötigen Weitblick und am Verständnis der Funktionalität des Geldes. Wenn jemand zu viel Geld hat, oder zu wenig, so ist daran nicht die Funktion des Geldes „schuld“, sondern die mangelhafte soziale Empathie, die den Geldwert bestimmt. Die Reife oder Unreife des Menschen macht Geld zum Segen oder zum Fluch. Dahinter stecken eine materielle und eine geistige Komponente. Der Bedarf an Gütern, Produkten, Waren und Dienstleistungen, bedarf einer Bemessung durch Zeit. Zeit ist der notwenige Faktor, der den Wert bemessen kann. Gerät dieser Faktor aus dem Ruder, dann wird Geld zum Fluch. Wenn an der Börse einige Klicks in wenigen Sekunden zu immensen Gewinnen führen können, dann beeinflusst dies den gesamten Handel. Es zwingt normale wirtschaftliche Abläufe zur Rationalisierung bis hin zu absurden, untragbaren Anforderungen.

Soziale Verträglichkeit von Geld
Die geistige Komponente liegt im Innern jedes Menschen und könnte als „persönlicher Egoismus“ bezeichnet werden. Die Schwierigkeit dabei ist, dass nur immer jeder für sich selbst das Maß seines Bedarfs kennen und schöpfen soll. Keiner ist befugt, des Anderen Grenze zum Egoismus festzusetzen! Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Es gibt in verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen neue wirtschaftliche Wege, die als Versuch angesehen werden können, mit sozial verträglicheren Mitteln umzugehen. Die Basis dafür ist die „soziale Dreigliederung“ Rudolf Steiners, der „Nationalökonomische Kurs“, “Kernpunkte der sozialen Frage” und andere Schriften. Die Latte ist für die Praxis sehr hoch angesetzt und funktioniert meistens nur mäßig bis gar nicht; oder sie wirkt sogar kontraproduktiv. Denn das Funktionieren „ehrlicher“ Löhne und die Selbsteinschätzung von Bedürfnissen, hängen an einem dünnen Fädchen zur (Un-) Freiheit. Es bedarf einer großen Reife – und – vor allem: Vertrauen aller Beteiligten! Hierin liegt eine (moralische) Bedingung. Und an beidem mangelt es zumeist! Dass in einem solchen System nur jeder für sich selbst entscheiden kann und muss, wird zum wesentlichen Streitpunkt. Keiner darf des anderen Tun und Wirken verurteilen! Und genau hier setzen Unfreiheit, Gruppenzwang und Schuldgefühle ein, die großen Schaden anrichten können. Genau dies aber sind Faktoren einer sozialen Verträglichkeit von Geld.

Der Faktor Freude
Es ist auch bedenklich, wenn man Geld nicht an Arbeit binden möchte. Denn Geld ist im Wesentlichen nur dies: Arbeit! Umgekehrt muss Arbeit nicht zwingend Geld bedeuten! Der Wert der Arbeit kann natürlicherweise auch wo anders liegen als in einem “Müssen”. Er kann schlicht und einfach in Form von Freude grosse Erfüllung bringen! Geld und Freude gegeneinander anzusetzen ist problematisch und unzulässig. Denn das Geld hat eine vollkommen andere Funktion. Es liegt im materiellen Bereich und der ist an Bedingungen geknüpft. Geld ist zum (physischen) Überleben in unserem westlichen System notwendig. Jeder hat monatliche Ausgaben, die er decken muss. Selbst ein scheinbar “geldlos lebender” kostet Geld (nur fällt es nicht ihm an, sondern anderen, die ihn unterstützen). Alle müssen Einnahmen in Form von Geld erbringen, denn der Vermieter wird sich kaum mit der Freude zufrieden geben. Die Freude selbst aber kann nicht mit Geld bezahlt werden. Sie ist außerhalb jedes wirtschaftlichen Systems angesiedelt und hat schon viel mehr mit Liebe zu tun. Sie steht als eine geistige Kraft ausserhalb des “Systems”. Man kann jede Arbeit, die bezahlte oder die unbezahlte, mit Freude tun oder mit Missmut. Die wirkliche Freude hängt nie am monetären Gegenwert. Eine solche Freude mag näher bei der Lust stehen und hat mit der eigentlichen Tätigkeit oft wenig zu tun, sondern eher mit einem persönlichen Gewinn. Die Verbindung beider Werte könnte zum Ideal werden: Bezahlte Arbeit mit Freude zu tun! Ein “bedingungsloses Grundeinkommen”, wie es aktuell gerade im Rahmen einer Volksabstimmung  in der Schweiz diskutiert wird und am 5. Juni zur Volksabstimmung kommt, könnte ein Anfang auf diesem Weg sein. Aber gleichzeitig müsste der Fokus auf eine andere Tatsache gelenkt werden: den Wert des Geldes wieder ehrlicher und adäquater, zum reinen “Mittler” werden zu lassen. Geld darf nicht Selbstzweck bleiben. Dazu verleitet das Zinses und Zinseszins-System in hohem Maße. Es müsste wieder in seiner urtümlichen Funktion verstanden werden, zu „Vollgeld“ werden, das heißt, es dürfte nicht primär aus Schulden geschöpftes Geld aus dem Nichts sein…

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…