Offenheit als Lebenskonzept

offenheitIch selbst bin selbstverständlich der offenste Mensch, den es gibt auf der Welt…  (…Hauptsache, die anderen sind gleicher Meinung wie ich…). Viele Menschen haben einen engen Blick. Wir haben es alle sicher schon öfter erfahren… Meistens sind es ja die anderen, die nicht so klar sehen. Dass wir offenbar die Neigung dazu haben, uns selbst diesbezüglich zu überschätzen oder selbst zu betrügen ist einer mit dem Alter zunehmenden Verengung der Hirnstrukturen zuzuschreiben. Mit Offenheit wird vor allem jenes Erlebnisfeld der persönlichen, individualisierten Meinung jedes Einzelnen angesprochen. Man nennt dies auch Meinungsfreiheit

Alles, was wir im Alltag sehen und erleben, betrachten wir immer durch die Brille des allgemeingültigen. Wir haben einen unheilbaren Drang zum Objektivismus, oder besser, zu einer „subjektiven Objektivierung“! Der besagte enge Blick ist jener der individuellen, persönlichen Erlebniswelt, die wir uns seit unserer Kindheit herangebildet und eingefleischt haben. In der Transaktionsanalyse von Eric Berne, wird dies auch „Eltern-Ich“ beziehungsweise „Kindheits-Ich“ genannt. Die Terminologie spielt aber keine Rolle. Ich könnte auch sagen, zwischen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen; „Teilselbsten“, wie es z.B. im Voice Dialog heisst usw., spielt sich unser bewusstes oder vielmehr halb bewusstes Leben ab.

Diese vorgebildete Welt der Werte und Urteile, die wir oft mit grossem Eifer daraus schaffen, werden aus den gemachten Erfahrungen und Erlebnissen, seit unserer Geburt*, gefestigt und behauptet. Aus diesen resultieren die Gedankenkonstrukte und Denkmodelle, die wir daraus schöpfen. Aus den Denkmodellen entstehen – gleichzeitig mit einer gewissen notwendigen inneren Stabilität – zugleich Einseitigkeiten und Verfestigungen in der emotionalen Struktur der eigenen Persönlichkeit. Die fördert nachhaltig, sowohl Krankheit als auch Krisis, in unserem Leben.

Der Kreislauf, welcher durch die pathologische Situation (…oder eben durch die Krise) entsteht, fixiert und zementiert die Vorstellungen wiederum zusätzlich und lockt exakt diejenigen Kräfte hervor, die wir gerne verhindern möchten, nämlich den ständigen Widerstand gegen die (vermeintlich „böse“) Umwelt (inklusive der Menschen darin und) um uns herum. Dieser Vorgang wiederholt sich spiralförmig bis ins hohe Alter oft so massiv, dass wir nur noch mit einer Demenz-Reaktion das totale Abgleiten in die Verhärtung verhindern können. Die Demenz ist dann sozusagen ein Schutzschild gegen den Schmerz, der aus dem Widerstand gegen die Verhärtungen gebildet wird!

Es gibt Menschen, die bereits so eingeschränkte Anschauungen und Wahrnehmungen haben, dass es kaum mehr möglich ist, über irgendein Thema widerstandslos mit anderen zu kommunizieren (mit Tieren ist es da einfacher…).
Das soll die folgende Skizze verdeutlichen: Dabei stellen die Dreiecke die Blickwinkel dar, ausgehend von einer Person A, B, C oder D:

dreieck

A hat einen festgefahrenen (engen) Blick über ein bestimmtes Thema. B hat einen etwas offeneren und immerhin grundsätzlich gleichgerichteten Blick über dasselbe Thema im Verhältnis zu A. Dennoch ergibt sich eine nur relativ kleine Überschneidungsfläche der Gedankenstrukturen beider, in der sie sich wiederfinden könn(t)en. Ausgangspunkt und Zukunftsperspektiven sind möglicherweise trotzdem wieder sehr unterschiedlich angelegt. A und B können sich gut miteinander unterhalten, solange sie sich in diesem gemeinsamen Raum (der Überschneidung) befinden. Kommunikation kann in dieser Weise sehr gut und sehr lange funktionieren, wenn beide dem anderen den jeweiligen Raum außerhalb des persönlichen Konzeptes (quasi wohlwollend) vollkommen überlassen und ihn nicht antasten (ok-ok-Situation). Geschieht das (wird also der Raum außerhalb dennoch angetastet…), dann gibt es zwingend Knatsch mit gröberen Folgen. Im Idealfall kann sich so (im Endeffekt, d.h. nach einer möglichen Schlägerei) der Blickwinkel beider etwas öffnen – und die Überschneidungsflächen grösser werden lassen (dazu braucht es zwingend – ich sag es einmal mehr, die Fähigkeit der Selbst-Reflexion)!
C hat im Vergleich zu A und B einen etwas grösseren Spielraum in dieser gewählten Thematik und vermag beide zu umfassen. Für A und B gilt C als offener und umgänglicher Typ und dieser wird bei beiden kaum anecken. Aus der Sicht von D wiederum sind aber sowohl A, wie auch B und C, eher Menschen mit einem eingeschränkten Blick (was ja objektiv gesehen auch stimmen könnte…). D vermag sogar alle drei mit seinem Blick zu umfassen und sie zu integrieren! Er ist für A, B und C vielleicht so etwas wie ein Eingeweihter…
Dennoch finden sich alle vier möglicherweise als „offene Menschen“. So relativiert sich die Sache mit der Offenheit beträchtlich, wenn man sie von außen sieht. Jeder möge sich selbst einmal aus dieser Perspektive betrachten und unter die Fittiche nehmen…

*Für alle spirituell denkenden LeserInnen: Ob sie auch aus einer Zeit davor (sprich Reinkarnation) angelegt sind, hat eigentlich keine Relevanz, weil die Grundlagen für unser Leben ja immer dieselben bleiben.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust