Illusion der Sicherheit

Sonne

„Das eigene Selbst ist gut versteckt; von allen Goldminen ist die eigene die letzte, die man ausgräbt“ (Friedrich Nietzsche)

Erinnern Sie sich noch an Kobe? Oder an Haiti? Vielen Menschen entschwindet sogar das Erdbeben von Neuseeland, dem jüngsten vor Japan, wieder langsam aus dem Gedächtnis. Für direkt Betroffene ist das natürlich anders. Unmittelbare Betroffenheit wird sich wohl erst nach vielen Jahren, im ganzen Leben oder sogar über Generationen hinweg, wenn überhaupt, langsam legen! Das, was die Welt daran wahrnimmt, hat aber eine sehr geringe „Halbwertszeit“.

Medien können heute mit rasanter Geschwindigkeit Informationen verbreiten. Aber ebenso schnell verflachen die Erinnerungen, sobald sich diese wieder anderen Themen zuwenden. Es herrschte z.B. bei der Katastrophe von Japan, in der ganzen Welt spürbare Betroffenheit. Dies umso mehr, als man etwas zu verlieren scheint, was man, zumindest seit den 50er Jahren, gewohnt war und was seither zu einem der wichtigsten Lebensmaximen in der Gesellschaft geworden ist: Die Sicherheit!

Die Tendenz, alles versichern zu wollen, steigt. Wir wollen Sicherheit bezüglich unserer Finanzen, Sicherheit bezüglich unserer Beziehungen, Sicherheit in Wohnsituation, am Arbeitsplatz. Doch die feste, unkündbare Beamtenstelle ist schon seit einigen Jahren nicht mehr vorhanden. Die Lage ist instabil geworden, das haben jetzt wohl auch die letzten Zweifler begriffen. Es gibt keine Sicherheit mehr! Selbst unsere leibliche Sicherheit droht in Gefahr zu geraten. Atomkraftwerke, welche bersten und alles verseuchen, Ölkatastrophen, die unsere Gewässer verschmutzen. Das ganze Natursystem scheint aus dem Gleichgewicht zu geraten. Menschen sterben zu zehn-, zu hundert-tausenden – oder gar zu Millionen in dieser Welt. Ihr Schicksal wird in Kriegen oder solchen erwähnten Katastrophen besiegelt.

Und wir? Sind wir noch in Sicherheit? Was ist denn Sicherheit? Auf welche Faktoren stützten wir uns ein Leben lang? Woher nehmen wir die Kraft, wenn diese Stützen fallen? Gerade jetzt wird diese Frage brennender denn je! Wir waren es nie gewohnt, nach innen zu schauen und unsere eigenen Ressourcen aufzudecken. Zu sehr waren wir um den materiellen Wohlstand besorgt. Wenn ich jetzt nach außen schaue, wie sich alles bewegt, verwandelt und erschüttert wird, dann sehe ich kaum mehr Hoffnung oder Licht. Für viele Menschen auf dieser Welt wird es nie mehr so sein, wie vorher. Der Zusammenhang in der Gesellschaft ist so komplex und vernetzt, dass wir auch nicht mehr so locker ans andere Ende der Welt blicken können, via Spendengelder ein paar Franken abgeben, das Gewissen damit beruhigen und die Sache damit abhaken können.

Für mich stellt sich die ganz grosse Frage: Wieviele Erschütterungen muss es noch geben, bis wir endlich aufwachen! Es war in den letzten 50 Jahren nicht notwendig, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Mal abgesehen von der Ölkrise in den Siebzigern, haben wir in den letzten Jahrzehnten kaum Anlass gehabt uns die Frage nach dem Sinn unseres Lebens zu stellen. Der Sinn bestand darin, dass man sein Einfamilienhaus bis zur Pensionierung abbezahlt hatte. Oder dass man sich alle Dinge leisten konnte, um ein angenehmes Leben zu leben: Genung zu Essen hatte, gesunde Kinder, den Hund, vielleicht die Ferien in der Karibik und einige Extras obenddrauf. Heute scheinen sich diese Werte langsam zu verwandeln, die Krise weicht alles auf und setzt es in Relation zum Gewesenen.

Sind wir denn nur diese „Selbstheit“, die sich als „Merkmalsidentität“ (Begriffe von Winfried Wagner) an den äußeren Dingen orientiert? Oder sind wir vielleicht doch etwas mehr? Macht es einen Sinn, das Leben nur an die äußeren Werte zu binden, wenn man sich als zweibeiniges mit Fleisch behangenes Skelett ein Leben lang daran orientiert, wie man nach außen wirkt, um 70 oder 80, vielleicht auch 90 Jahre später wieder dem Erdboden gleich gemacht zu werden?

Erschütterungen sind gut dazu, um uns aufzuwecken! Wir sind nicht nur diese „Merkmalsträger“, sondern haben, wenn wir nach innen schauen noch eine andere Erfahrung: Unser Selbstsein! Die Katastrophen bringen uns näher an diese Fragen und es ist wichtiger denn je, diesem inneren Wesen nachzuspüren! Man muss alle Kraft verwenden, um in den bedrohten Gebieten Leben zu retten und uneingeschränkt alle äußeren Hilfsmittel nutzen, um andern Menschen zu helfen! Es nützt nichts, wenn wir nur hinter den Räucherstäbchen sitzen und stundenlang meditieren, ohne den grössten Wert auf die Hilfe nach außen zu pflegen! Wenn wir uns besinnen, wie viel Potenzial in uns steckt, welche Ressourcen brach liegen, nur weil wir ein Leben lang den Schein statt das Sein pflegten, dann merken wir, was wir verpasst haben.

Diese Kräfte sind da und es ist unsere Aufgabe, sie zu ent-decken. Dazu muss man nicht den ganzen Tag meditieren. Meditation ist nicht eine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Qualität! Ich nenne sie Geistes-Gegenwart. Der erste Schritt ist die Einsicht, dass wir nicht durch unsere Außenwelt bedingt sind, sondern durch uns selbst.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…