Eine Selbstverwirklichungsgeschichte

selbstverwirklichung* Sie entwickelte sich zunehmend weg von ihrem Ehemann und Vater ihrer Tochter. Und so kam es schließlich zur Trennung. Sie meinte, er stehe ihrer Selbstverwirklichung im Weg. Der Vater bemühte sich sehr um sie, respektierte die Entscheidung und setze sich schließlich für ein gütliches Auseinandergehen einEr wollte seine Tochter regelmäßig sehen, wollte  das Kind nicht Opfer der Streitigkeiten und der Trennung werden lassen.

Die Frau lernte viel auf ihrem spirituellen Weg. Bald schon liebte sie die ganze Welt und alle Menschen in ihrer Umgebung – außer ihren Ex…
Osama Bin Laden, Adolf Hitler, Saddam Hussein … kurz alle Menschen inklusive der Bösewichte der Weltgeschichte: allen konnte sie verzeihen. Ihre Liebe wurde sozusagen global und umfasste den ganzen Kosmos – außer ihren Ex…

Gut, sie musste zugeben, wenn ihr jemand zu nahe kam, dann war es mit dieser allumfassenden Liebe schnell wieder vorbei. Sie war empfindlich, wenn man sie in ihrem Weg kritisierte und konterte trocken und hart. Dabei teilte sie auch ziemliche Brocken aus. Aber sonst…?
Und, zugegeben, ihre Tochter hatte anfangs gelitten unter dem vaterlosen Zustand. Aber das hat sich mit der Zeit sehr gut eingespielt. Denn die Mutter versuchte, das Bild des Vaters so zu bearbeiten, dass die Tochter ihren Papa bald vergessen konnte, alles zu deren persönlichem Schutz natürlich.

So vergingen die Jahre, und wenn der Ex auch sehr darunter litt, so rechtfertigte sie sich immer mit den gleichen Schlagworten: er verstand sie nicht, war aggressiv und ohne jede Empathie. Kurz: halt typisch männlich… Mittlerweile hatte sie gelernt, dieses Geschlecht schlicht als das anzuschauen, was es war: als Erzeuger… Sie hatte schon vor der Ehe klar kommuniziert, dass sie diese Heirat nur unter der Voraussetzung eingehen würde, dass sie ein Kind bekäme! Sie wolle unbedingt ein Kind, beteuerte sie nachhaltig und unmissverständlich. Und das hat sie dann auch bekommen. Der Mann wurde ihr immer mehr zur Last. Er war ja nie da, wenn man ihn brauchte und von Erziehung verstand er ja nun schon gar nichts! Dass diese Haltung die Partnerschaft nicht eben stärkte und die gegenseitige Wertschätzung erlosch, ergab sich bald von selbst.

Dies endete schließlich mit der Trennung und wie es in 90 Prozent all dieser Fälle halt so ist, war auch hier ganz klar der Mann schuldig am ganzen Desaster. Die Frau erhielt das Sorgerecht, der Mann die rote Karte. Er sah seine Tochter anfangs alle 14 Tage. Das tat der Tochter aber gar nicht gut, wie die Mutter meinte. Sie brauchte immer die ganze Zeit, um sich wieder vom Besuch zu erholen… worauf die Richterin schließlich eine Besuchspause von einem Jahr beschloss. In dieser Zeit erfolgte die besagte Hirnwäsche der Mutter (zum Wohl der Tochter natürlich).
Dies half tatsächlich nachhaltig, den bösen Papa zu vergessen und stigmatisierte das Männerbild der Tochter für ihr ganzes weiteres Leben. Keine ihrer eigenen Beziehungen hielt lange. Auch sie wurde eine alleinerziehende, sich selbst verwirklichende Mutter. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie heute noch – in Frieden mit der ganzen Welt (mit Ausnahme ihres Ex)…

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* Die Geschichte ist frei erfunden. Im Bewusstsein, dass es auch ganz anders laufen kann, wurde hier auf eine nicht ganz aus der Luft gegriffene Variante aus der Sicht des Mannes aufmerksam gemacht…

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie…

Ein Kommentar bei „Eine Selbstverwirklichungsgeschichte“

  1. Claudia Reimers sagt:

    Mir scheint, es handelt sich hier um eine Variante der typischen Fluchtgeschichten und hat mit Mann- oder Frausein wenig zu tun. Ganz gleich welchen Geschlechts, das Leben zu meistern ist eine Kunst. Manchmal flüchten Frauen, manchmal Männer aus den zu meisternden Lebenslagen. Aus Sicht einer Frau (meiner Sicht) flüchten Männer vorzugsweise in die leichten Arme einer Geliebten oder in eine chronische Krankheit und lassen sämtliche Verantwortung fahren. So stehen Frauen plötzlich ihren Mann in einer one-woman-show über viele überfordernde Jahre und Jahrzehnte. Aufgerieben zwischen Muttersein und Arbeitsplatz werden sie keiner Seite gerecht. Um Kindern eine geborgene Lebensbasis zu vermitteln, braucht es einfach Mutter und Vater. Es bleibt also die große Herausforderung bestehen: Wie kann es den Erwachsenen gelingen, an ihren Schwierigkeiten zu wachsen, anstatt zu fliehen? Ganz gleich, ob Mann oder Frau.

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