Wir meißeln ein Leben lang an “unserem Stein”

SklaveOkay, heutzutage von Sklaverei zu sprechen, mag etwas reisserisch klingen. Denn immerhin können wir – in der westlichen Welt zumindest – einige Vorzüge genießen und unser Leben noch relativ autonom bestreiten und einrichten, relativ… Dass es andernorts nicht so aussieht wie bei uns, muss wohl nicht begründet werden!

Viele Menschen fühlen sich auch in der vermeintlich “freien“ westlichen Welt, nicht mehr wirklich frei. Sie fühlen sich in ihren persönlichen Interessen und Initiativen immer stärker eingeschränkt. Zweifellos ist die Welt sehr komplex geworden und die harten Strukturen und Gesetze blocken viele Aktivitäten schon im Ansatz ab. Rechtssysteme zwingen uns unterschiedlichste Hindernisse und Barrikaden auf, die wir nicht wirklich durchschauen können. Sklaverei sehe ich aber viel mehr an einem ganz anderen Ort, als dem von aussen aufgedrängten! All die abstrakten Ideen und Inhalte, die wir uns in unserem Leben schaffen, bilden in uns klare Vorstellungen von der Welt: wie sie zu sein hat und wie nicht. Wir schaffen Prinzipien und zementieren Meinungen. Und von diesen Prinzipien lassen wir uns letztlich mehr versklaven als von allen äußeren Einflüssen, die uns begegnen. Ich persönlich habe nicht mehr so viel Angst vor der „bösen Welt“, die außerhalb von uns wirkt und uns zu Sklaven machen will. 

Alles, was wir zu tun brauchen ist, unsere innere Welt zu ordnen, sie in Einklang mit der äußeren Welt zu bringen. Das ist für mich die wirkliche Zeitgenossenschaft! Was uns die Gegenwart bringt, mag nicht immer nur gut sein, aber Sklaven müssen wir deswegen noch lange nicht werden. Sklaven sind wir erst dann, wenn wir uns in Widerstand dazu setzen. Wenn wir sagen: Die Welt darf nicht so oder so sein! Wenn wir meinen, wir seien das Zentrum der Welt und alle außer mir, müssten sich danach richten, wie ich denke und wie ich fühle, frei nach dem unbewussten Credo: „Ich bin Gott! Ich denke und fühle richtig! Alle, außer mir, verstehen nicht, um was es geht!“ Das ist Sklaverei, die wir selbst zu selten bemerken. Es ist die Versklavung unserer eigenen Vorstellungen und Ideen. Diese Vorstellungen sind gewiss nicht generell falsch; ich selbst bilde mir jetzt auch ein, dass die hier geschriebenen Gedanken richtig sind! Vielleicht sind sie es, vielleicht habe ich aber etwas übersehen? Vielleicht denke ich in 20 Jahren: Mensch, was habe ich da nur für einen Blödsinn geschrieben! Darum geht es nicht, dass wir uns immer hinterfragen: Was ist nun richtig und was falsch und vor lauter Studieren nicht mehr handeln oder keine Gedanken mehr äußern wollen. Diese Gedanken sind jetzt in mir und ich denke sie und ich stehe hinter ihnen: „Hier stehe ich, so, wie ich zur Zeit bin, ich kann nicht anders!“, aber ich kann mich entwickeln! Das heißt eben nicht, dass es nicht die Möglichkeit von neuen Gesichtspunkten gibt, die mein Weltbild wieder ein wenig weiterformen/umformen. So wie der Bildhauer an seinem Stein meißelt, so meisseln wir doch an unseren Gedanken.

Wir meißeln ein Leben lang an “unserem Stein”. Zugegeben, manchmal verlieben wir uns in eine Form so sehr, dass wir nichts mehr ändern mögen. Oder wir verbeissen uns daran solange, bis wir in eine Sackgasse geraten. Dennoch, die Form korrigiert uns immer wieder. Durch die Selbstbetrachtung stehen wir vor ihr, wie vor einem wachsenden Wesen, was immer vollkommener werden möchte. Nicht weiter zu gehen, heißt, sich an der gegenwärtigen Form festzubeißen oder an einer Form, die wir vielleicht schon vor 20 Jahren geschaffen und innerlich abgeschlossen haben. Wie langweilig ist das denn! Und wie anstrengend! Immer gegen die „böse” Außenwelt ankämpfen zu müssen und mit jedem Jahr noch mehr und noch mehr, weil sie uns immer mehr entflieht! Immer mehr Unzufriedenheit und schließlich Verdruss, Resignation schafft: „Niemand versteht mich mehr“ usw.

Vor 15 Jahren habe ich meinen ersten Computer gekauft! Mit 45! Davor war ich ein vehementer Gegner der digitalen Entwicklung! Heute – quasi vom Saulus zum Paulus (oder umgekehrt, je nach Weltanschauung) – entdecke ich darin eine große Chance für eine Bewegung von unten nach oben. Eine Art Gegendiktatur, vor welcher die richtigen Diktaturen eine Höllenangst haben. Ich glaube nicht an die Versklavung an diese Medien, sondern sehe eine Chance darin, eine andere Versklavung ganz im Gegenteil wieder aufzulösen.

“Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn es ihn beim Kragen packte!“ (Goethe).
Die Gedanken gehen weiter…

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und „Ursli und der Traum vom Schiff“, ein Kinderbuch auch für Erwachsene…

3 Kommentare bei „Wir meißeln ein Leben lang an “unserem Stein”“

  1. Hallo, ein grandioser Artikel. Vielen Dank dafür. Ich habe das Gefühl hier einen Freimaurer beim Behauen seines Persönlichkeits-Steins zu beobachten. Es ist wunderbar wieder einmal einen von Millionen Menschen zu treffen, die sich auf den Weg zu sich selbst gemacht haben. Die erkennen, dass sie zutiefst das sind, was sie in anderen ablehnen. Und die sich in Liebe genau in diesen schattigen Seiten annehmen und sie dadurch erhellen. Auf das ihr inneres Licht in seinem höchsten Potenzial erstrahlen und sie sich am Ende ihrer Tage- dann, wenn alles gelebt wurde, was es in diesem Leben zu leben gab – mit ihrem nun fein polierten Stein in den Tempel der Menschlichkeit einfügen. Alles Gute und viele gute Erkenntnisse wünscht BiographinIW

  2. Georg Wolf sagt:

    Der Artikel über den ” Stein” ist sehr gelungen. Ich finde auch, dass wir Menschen jeder für sich und jeder in irgendeiner Form an einer ” sog.sozialen Plastik formen , ständig quasi unsere Abdrücke hinterlassen in unseren Umfeld. Wünschenswert wären natürlich positive Abdrücke die wertvoll sind und zur Entwicklung beitragen.

  3. […] Urs Weth: Wir meißeln ein Leben lang an „unserem Stein“ Okay, heutzutage von Sklaverei zu sprechen, mag etwas reisserisch klingen. Denn immerhin können wir – in der westlichen Welt zumindest – einige Vorzüge genießen und unser Leben noch relativ autonom bestreiten und einrichten, relativ… Dass es andernorts nicht so aussieht wie bei uns, muss wohl nicht begründet werden!… hier weiter […]

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