Selbst-Reflexion, einmal anders betrachtet

SelbstreflexionWenn man den Begriff Selbstreflexion im allgemeinen Kontext hört, kann man sich berechtigterweise die Frage stellen, was das eigentlich bedeutet. In der Psychologie meint es in der Regel dies: Zu beobachten, wie man selbst in bestimmten Situationen reagiert, handelt, wie man fühlt und denkt. Sich selbstkritisch in Frage stellen und die Gedanken, die man äußert, auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Es geht in erster Linie um die Objektivierung eigenen Verhaltens, um richtiges, wahrheitsgetreues Denken und Wahrnehmen. Selbstreflexion in diesem Sinn, findet auf der Ebene der Gedanken statt. „Ist es wirklich richtig, dass ich dieses oder jenes gesagt, getan habe oder tun werde?“ –  „Habe ich diese Mitarbeiterin richtig behandelt, oder war ich zu streng mit ihr?“ – „War es falsch, dass ich mich aus der Gruppe zurückgezogen habe?“ u.s.w. u.s.f. 

Solche und ähnliche Fragen bilden den Inhalt auf dieser Ebene der Reflexion auf sich selbst im psychologischen Zusammenhang. Es macht durchaus Sinn, die eigenen Taten und Gedanken, Emotionen und Gefühle immer wieder zu überprüfen und selbstkritisch zu hinterfragen. Wer dies tut, gewinnt im Laufe der Zeit Abstand zu gewissen Emotionen und bereichert damit zweifellos sein Leben. Selbst-Reflexion kann jedoch noch viel tiefer gehen und eine neue Schicht der Erfahrung berühren.

Die Beurteilung, und, je nach dem, Verurteilung, die Kritik an die selbst gebildeten Gedanken, ändern zwar den Standpunkt meiner Betrachtung im psychologischen Kontext. Ich schreite, gemäß der Terminologie der Transaktionsanalyse, sozusagen von meinem „Kind-Ich“ zum „Eltern-Ich“. Das Kind in mir hat etwas Unrealistisches oder Dummes gesagt oder getan. Nun kommt der strenge Vater (in mir, also mein „Vater-Ich“ oder eben Eltern-Ich, welches sich in meiner Kindheit aufgrund entsprechender Erfahrungen konditioniert hat) und verurteilt, oder bestraft diese oder jene Tat, diese oder jene Gedanken. „So geht das aber nicht, mein Sohn! Bist du nicht ganz bei Trost…!“ Durch diesen Akt der Selbstbeurteilung fühle ich mich vielleicht wohler und bemühe mich, fortan, „vernünftiger“ zu sein. Mein „Vater-Ich“, mit dem ich mich nun identifiziere, geht nun erhaben, stolz und kontrolliert durch die Welt und verurteilt vielleicht alle, die sich so kindisch zeigen, wie eben jenes andere Kind in mir!

Das kann eine Weile gehen, aber das „Kind-Ich“, der kleine Ursli, regt sich von Zeit zu Zeit wieder von neuem, treibt bald schon wieder seinen alten Schabernack.  Die Rolle hat sich unbesehen wieder verändert. Die Identifikation hat sich vom Vater-Ich gelöst und erneut ans Kind-Ich geheftet. Es ist ein stetes Spiel in diesen Rollen, von denen es noch einige mehr gibt. Die beiden erwähnten, und in der Transaktionsanalyse bekannten Rollen, sind aber dennoch beispielhaft und stellvertretend für viele vergleichbare Verhaltensmuster. Es können sich auch andere „Teilselbste“ in uns aufbäumen und sich gegen andere Konkurrenten auflehnen oder sich gegenseitig bekämpfen. Der Schauplatz dieser Kämpfe findet in unserem Inneren statt. Was ich auf Gedankenebene jedoch kaum beachte, ist die Herkunft und der Charakter dieser verschiedenen, in mir stattfindenden Auseinandersetzungen und Schlachten.

Dann kommt meinetwegen das Eifersuchts-Ich plötzlich auf die Bühne. Meine Gedanken sind jetzt voll von Eifersucht. Sie werden gepackt und „übermannt“ von einer unsichtbaren und unbekannten Kraft, die mich plötzlich in Beschlag nehmen kann. Es gibt zwei Dinge, die im „Autopiloten“ meines Selbstes dann auftreten. Entweder ich werde mit Haut und Haaren von diesem „Gespenst“ der Eifersucht aufgesogen und vereinnahmt. Dann bin ich komplett verwoben und verhaftet mit diesen Gedanken und den Gefühlen, den Emotionen, die sich daraus bilden. Ich identifiziere mich als Selbst, als „Ich“ (oder besser als Ego), vollkommen mit diesem „Wesen der Eifersucht“. Oder es könnte sein, dass meine Entwicklung, meine Lebensschulung so weit fortgeschritten ist, dass ich dieses „Wesen Eifersucht“ schon im Stadium der Entstehung erkenne und ihm beobachtend (im Jetzt!) gegenübertrete. Da kommt vielleicht wieder eine Art „Vernunft-Ich“ auf den Plan. Es flüstert mir ins Ohr: „Schau, jetzt bist du doch schon ein alter Mann, hast schon so viel Tragisches erlebt, da wird dich dieses Gefühl doch nicht so schnell erschüttern! Sei stark! Sei ein Mann und stelle dich ihm, du bist doch kein Warmduscher u.s.w…!“

Aber wie schon vorher, stellt sich nun dem einen Gefühl, der einen Emotion, wiederum eine andere auf derselben Ebene (gedanklich) entgegen. Dies kann ganz verschiedene Facetten haben. Schlimmer wäre es, wenn es kein solch „vernünftiges“ Ich wäre, sondern vielleicht ein „Rache-Ich“, welches auf den Plan tritt und mich von neuem vereinnahmt. Nur eben von einer anderen Seite! Mag sein, dass es mich sogar soweit treibt, dass ich eine kriminelle Handlung begehe. Statt Eifersucht, Rache, Neid, Hass, Missgunst, Trauer usw. ließen sich hunderte von anderen Emotionen, Gefühlen aufführen, die so interagieren. Alle fordern zur gegebenen Stunde ihren Tribut. Beim einen Menschen sind diese stärker und jene Reaktionen folgen darauf. Beim anderen Menschen wiederum sind andere stärker u.s.w.

Je nachdem, welche Erlebnisse und Erfahrungen wir im Leben durchgemacht haben, konstituieren wir unterschiedliche Teilselbste in uns. Bei der „normalen“ Selbstreflexion, wie ich sie oben kurz skizziert habe, kommen wir lediglich immer wieder „vom Regen in die Traufe“, wie man so schön sagt. Aus der emotionalen Dynamik kommen wir so nie heraus! Dazu braucht es diesen einen, anderen, neuen Standpunkt. Und dieser Standpunkt muss außerhalb des Denkens sein! Es ist die wache Präsenz, die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, die jeder Mensch erfahren kann, wenn er ohne Beurteilung, ohne Vorurteile und ohne Kritik (denn dies sind alles nur immer wieder NEUE GEDANKEN!) auf einer anderen, tieferen  Ebene (geistesgegenwärtig) zu leben beginnt.

Das ist der Grundansatz einer tiefer verstandenen Selbst-Reflexion. Deshalb habe ich diese zwei Wörter auch auseinander genommen, weil mit Selbst, ein identifiziertes, verhaftetes Ich gemeint ist, welches reflektiert wird. Im Grunde genommen wird es beobachtet, nicht reflektiert. Aber der Begriff Selbstreflexion ist heute in der anderen Art und Weise im psychologischen Sinn so „eingebürgert“, dass es wenig Sinn macht, schon von einem neuen Standpunkt auszugehen, wenn wir uns noch mit dem alten herumschlagen. Es bedeutet letztlich, diese Anteile in sich zu integrieren, nicht etwa zu bekämpfen! Denn im Akt des Erkennens verlieren sie ihre Wirkung, wenn sie den „Herrn im Haus“ erkennen.

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Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust