Lob der Mundart

hochdeutschGunnar Decker schreibt in seiner Hesse Biografie: „Es entspricht Hesses Selbstverständnis zu Beginn der dreißiger Jahre, zu sagen, er habe den ästhetischen Ehrgeiz, Literatur zu machen, gänzlich verloren.“ Dazu schrieb dieser am 14. November 1926 an Heinrich Wiegand, er schreibe keine Dichtung, „sondern eben Bekenntnis, so wie ein Ertrinkender oder Vergifteter sich nicht mit seiner Frisur beschäftigt oder aber mit der Modulation der Stimme, sondern eben hinausschreit.“

Wie schreibt man „richtig“?
Akademisch, gelehrt… sodass die Literaturkritiker sich lobend erheben und Beifall klatschen… oder gerade nicht, weil sie der anderen Gattung angehören?

Oder anders herum gefragt, was nennt Mann/Frau „richtig“ oder „falsch“? Sind die Sätze umständlich aufgebaut? Schreiben ist eine Kunst, gewiss. Aber was für eine? Welche Normen gelten, welche Kriterien kennzeichnen den „guten“ Schreibstil? Wiederholungen vermeiden? Satzbau akribisch kontrollieren? Dialektwörter tunlichst vermeiden? Länge des Satzes kontrollieren? Füllwörter so wenig wie möglich verwenden und natürlich die Grammatik penetrant überarbeiten! Der Leser, die Leserin müssen es nicht nur lesen und verstehen können, sondern wieder zurückübersetzen in seine/ihre eigene Gedankenwelt!
Nicht wenige Schriftsteller wurden zu ihrer Zeit mit dem Prädikat untauglich abgestempelt, um später als große Autoren entdeckt zu werden!

Ein Text-Beispiel:

„Drinnen in der weiten, reinen Küche knisterte ein mächtiges Feuer von Tannenholz, in weiter Pfanne knallten Kaffeebohnen, die eine stattliche Frau mit hölzerner Kelle durcheinanderrührte, nebenbei knarrte die Kaffeemühle zwischen den Knien einer frischgewaschenen Magd; unter der offenen Stubentüre aber stund, den offenen Kaffeesack noch in der Hand, eine schöne, etwas blasse Frau und sagte: »Du, Hebamme, röste mir den Kaffee heute nicht so schwarz, sie könnten sonst meinen, ich hätte das Pulver sparen mögen. Des Göttis Frau ist gar grausam mißtreu und legt einem alles zuungunsten aus. Es kömmt heute auf ein halb Pfund mehr oder weniger nicht an. Vergiß auch ja nicht, das Weinwarm zu rechter Zeit bereitzuhalten! Der Großvater würde meinen, es wäre nicht Kindstaufe, wenn man den Gevatterleuten nicht ein Weinwarm aufstellen würde, ehe sie zur Kirche gehen. Spare nichts daran, hörst du! Dort in der Schüssel auf der Kachelbank ist Safran und Zimmet, der Zucker ist hier auf dem Tische, und nimm Wein, daß es dich dünkt, es sei wenigstens halb zuviel; an einer Kindstaufe braucht man nie Kummer zu haben, daß sich die Sache nicht brauche…“

Haben Sie erraten, von wem das ist? Richtig, von Jeremias Gotthelf mit einer der bekanntesten Erzählungen des deutschsprachigen Raumes: „Die schwarze Spinne“. Der Text hat Herzblut und Seele. Und das ist das Wesentlichste! Klar kann man an die Gedanken, die man fürs Erste fliessend hinschmeisst, um ihnen eine angemessene Form zu geben, gehörig nachmodulieren, nachformen, kann ihnen die Länge nehmen (wie diesem hier z.B.), sie stutzen, komprimieren, deren Aussagen raffen und gemäss allen Regeln des Schreibens zurechtbiegen. Und dann die Dialektbegriffe entfernen, weil sie dem preussischen Ohr nicht gut tun könnten. Die Frage bleibt offen: Warum ist des Preussen Deutsch eigentlich das „Richtige“? Könnte doch auch bayrisch sein, oder Kölsch…

Wenn wir aufmerksam sind, bemerken wir, dass es Konventionen sind, die uns an den Regeln des Schreibens (und des Lebens) festklammern lassen. Sprache ist individuell, die Begriffswahl ebenso. Sie sind an das Denken und an die Wahrnehmung gebunden und insbesondere an die Vorstellungen, mit welchen wir durchs Leben ziehen. Gelernt ist gelernt. Wozu denn Germanistik studieren, wenn der Kaminfeger es besser könnte. Schreiben ist aber vor allem auch an die Seele des Schreibenden gebunden. Man schreibt während dem man fühlt und bringt das Gefühlte wieder in die Form der Begriffe hinein. Wie schwer ist das! Sprache ist umfassender als das, was die Begrifflichkeit abzudecken vermag. Sprache ist alles, ist Kommunion, sich dem anderen verständlich machen, so dass er begreift, was ich fühle und im Herzen angesprochen wird. Das ist sie doch: die eigentliche „Kunst des Schreibens“. Ein stetes Ringen um Bewusstsein in der Auseinandersetzung mit Worten. Letztlich sind es immer die Worte, die Begriffe, die klären, erklären, was wir fühlen. Selbst ein Bild, eine Form, ein Musikstück, Bewegung wird erst erkennbar und begreifbar, wenn es im Mantel des Begriffs „erscheint“. Nenne man es einen Roman, eine Novelle, eine Geschichte, ein Märchen, ein Traktat, eine Rezension oder was auch immer… es ist, was es ist, der Aussage entsprechend.

Die Reflexion an den Gegenständen der Welt, zu denen auch Gefühle gehören, zu denen die Kunst gehört, alles, was unsere sieben oder meinetwegen zwölf Sinne erfahren und erleben, wird gemessen an der Begrifflichkeit unserer Gedanken… Sprache, Schreibkunst ist in diesem Sinne in erster Linie das authentische Erleben, Einleben und übersetzen dieser Wahrnehmungen in Worte, Sätze… Oft ist der „schön“ gebildete Satz einer „ästhetischen Literatur“ ein Blendwerk, welches an den Tatsachen der Welt vorbeidichtet ohne dies zu bemerken. Das Sprechen und das Schreiben ist sehr individuell und an jene Sprache gebunden, die uns im Herzen berühren kann und das ist in der Regel die Muttersprache, die „Mundart“… sie ist das unmittelbarste, ehrlichste und authentischste Ausdrucksmittel… Das Beschönigen kommt oft einem Bruch gleich, der Ästhetik und Gesetz vor Sinn und Herz stellt.

Urs Weth, „Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz“ – „Ursli und der Traum vom Schiff“, Kinderbuch… – „Lebendige Prozesse“, Fachbuch über Kunsttherapie… und jetzt neu auch eines über Anthroposophie… Glaube oder Wissenschaft? und über Kunst – ein kreatives Thema… und noch ein Kunstbuch mit dem Titel: Form-Lust